Österreichs neue Stromrealität

Österreichs neue Stromrealität

Der Strommarkt in Österreich verändert sich gerade spürbar. Während weltweit politische Krisen weiterhin für Unsicherheit bei Energiepreisen sorgen, passiert gleichzeitig etwas, das vor wenigen Jahren noch kaum vorstellbar war: Strom wird zeitweise günstiger als gratis!

Das bedeutet: Es gibt Stunden, in denen mehr Strom produziert wird, als gerade verbraucht werden kann.

Genau das passiert aktuell immer öfter.

Viel Sonne, wenig Verbrauch

Mit dem Frühjahr steigt die Stromproduktion aus Photovoltaik-Anlagen wieder stark an. Vor allem rund um die Mittagszeit erzeugen tausende PV-Anlagen gleichzeitig große Mengen Strom.

Gleichzeitig ist der Stromverbrauch zu diesen Stunden oft relativ niedrig. Viele Menschen sind tagsüber nicht zuhause, Heizungen laufen weniger stark als im Winter und auch die Industrie benötigt nicht immer gleich viel Energie.

Dadurch entsteht ein Überangebot.

An der Strombörse führt das dazu, dass die Preise teils massiv fallen. So lag der Strompreis am 26. April um 14:00 Uhr sogar bei minus 48 Cent pro Kilowattstunde. Das bedeutet: Für jede verbrauchte Kilowattstunde wurde Geld bezahlt. Kraftwerke zahlen in solchen Situationen also dafür, dass überschüssiger Strom aus dem Netz aufgenommen wird.

Was ungewöhnlich klingt, ist eigentlich ein Zeichen dafür, wie stark erneuerbare Energie in Österreich bereits geworden ist.

Österreich deckt bereits fast 75 % des Stromverbrauchs mit Erneuerbaren

Im März 2026 kamen bereits 74,6 % des österreichischen Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energien. Im Vorjahr waren es noch 64,3 %.

Vor allem Wasser- und Sonnenkraft lieferten deutlich mehr Strom als noch im trockenen Vorjahresmonat.

Das ist grundsätzlich eine sehr positive Entwicklung. Gleichzeitig zeigt sich aber auch eine neue Herausforderung: Unser Stromsystem muss lernen, mit diesen großen Mengen erneuerbarer Energie besser umzugehen.

Denn Strom muss genau in dem Moment verbraucht werden, in dem er produziert wird.

Warum erneuerbarer Strom teilweise abgeschaltet werden musste

Im März mussten in Österreich laut APG rund 9 GWh erneuerbarer Strom abgeregelt werden, um das Stromnetz stabil zu halten.

Das bedeutet vereinfacht gesagt: Bestimmte Kraftwerke mussten ihre Produktion reduzieren, obwohl eigentlich genug erneuerbarer Strom vorhanden gewesen wäre.

Betroffen war dabei vor allem die Laufwasserkraft.

Der Grund dafür ist nicht mangelnder Bedarf an sauberer Energie, sondern fehlende Flexibilität im System. Wenn zu viel Strom gleichzeitig produziert wird und Netze oder Speicher an ihre Grenzen kommen, muss eingegriffen werden.

Genau hier wird Flexibilität immer wichtiger

Die Energiewende bedeutet heute nicht mehr nur, möglichst viel erneuerbaren Strom zu produzieren.

Immer wichtiger wird die Frage: Wann wird Strom verbraucht?

Genau deshalb gewinnen flexible Stromtarife zunehmend an Bedeutung. Wer Strom dann nutzt, wenn besonders viel erneuerbare Energie verfügbar ist, kann nicht nur Kosten sparen, sondern hilft gleichzeitig dabei, das Stromnetz zu entlasten.

Typische Beispiele dafür sind:

  • E-Autos gezielt zu günstigen Stunden laden

  • Warmwasserboiler automatisch mittags aufheizen

  • Batteriespeicher bei niedrigen Preisen laden

  • Haushaltsgeräte bewusst in günstige Zeitfenster verschieben

Langfristig werden flexible Verbraucherinnen und Verbraucher deutlich stärker profitieren als Haushalte mit starrem Stromverbrauch.

Die Stromwelt wird dynamischer

Die internationalen Energiemärkte bleiben weiterhin nervös. Die Preise für Gas und andere Primärenergien reagieren aktuell stark auf geopolitische Entwicklungen, etwa rund um die Straße von Hormus und den internationalen LNG-Handel.

Gleichzeitig steigen derzeit auch die Preise für Herkunftsnachweise deutlich an. Grund dafür ist die Trockenheit, durch die weniger Wasserkraft produziert werden kann.

Für Verbraucherinnen und Verbraucher wird dadurch eines immer klarer:

Der Strommarkt funktioniert heute anders als noch vor wenigen Jahren. Preise verändern sich schneller, erneuerbare Energien dominieren immer stärker den Markt und Flexibilität wird zu einem echten Vorteil.

Gerade deshalb macht es immer weniger Sinn, sich langfristig an starre Fixpreistarife zu binden. Denn wer einen Fixpreis bezahlt, kann genau von jenen Stunden nicht profitieren, in denen Strom durch hohe erneuerbare Einspeisung besonders günstig oder sogar negativ wird.

Auch das oft vermittelte Gefühl von „Sicherheit“ bei Fixpreistarifen sollte kritisch hinterfragt werden. Denn echte Sicherheit bedeutet nicht, dauerhaft einen hohen Durchschnittspreis zu bezahlen, sondern flexibel auf Marktbewegungen reagieren zu können und günstige Stunden aktiv zu nutzen.

Und genau darin liegt auch eine große Chance für Österreich. Und damit auch für Sie.

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